Unendliche Geschichte: Der Sitzfleischwulff
14. Januar 2012 19:17 | von Achim Körnig | Kategorie: TeleskopAuch gestern demonstrierten wieder Hunderttausende in Bogota (Kolumbien) für den Verbleib Christian Wulffs im Amt des deutschen Bundespräsidenten. Einzelne Transparente forderten sogar eine Verlängerung seiner Amtszeit um mindestens 16 Jahre.
In einem Grußwort erklärte Angela Merkel, spätestens seit Helmut Kohl sei das konsequente Aussitzen selbst geschaffener Krisen vorbildliches Merkmal deutscher christdemokratischer Politik; gerade in unserer, durch Coli-Bakterien und Staphylokokken im Hähnchenfleisch gekennzeichneten Zeit könne der Wert gesunden Sitzfleischs gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Und die deutsche Bevölkerung wolle ja schließlich einen Bundespräsidenten, der ein Vorbild sei.
Merkel forderte Wulff auf, sein segensreiches Wirken für Deutschland schon bald mit einer Rede zu krönen, wonach zu Deutschland nicht nur der Islam, sondern - bis hinein in das Schloss Bellevue - auch der Geruch der Vorteilsannahme und versuchten Nötigung gehöre. Wer seinen Werten treu bleiben wolle, müsse bereit sein, sie zu verändern.
Entschieden wies die deutsche Bundeskanzlerin Presseberichte zurück, nach denen ein Rücktritt Wulffs für sie ungelegen käme. Mit der peter-prinzipiellen Entsorgung des ehemaligen Konkurrenten ins Schloss Bellevue sei die Mission ihres Machterhalts und -ausbaus unverändert erfüllt, zumal das „Schlossgespenst“ (DIE ZEIT) ihr nun keinesfalls mehr gefährlich werden könne und noch weniger als zuvor in der Lage sei, sie bei der weiteren Eingliederung auch des Bundespräsidialamtes íns Kanzleramt zu stören. Nicht zufällig habe Guido Westerwelle den Bundespräsidenten bei dessen Neujahrsempfang so herzlich begrüßt; geteilt sei Leid eben halbiert.
Überdies, so die Kanzlerin, würde ein Rücktritt Wulffs den deutschen Haushalt nur mit vorzeitigen Ruhegehältern belasten, zumal ja dann flugs ein neuer Präsident gewählt werden müsse, der das gewiss auch nicht umsonst machen würde. Wenn aber jemand den Steuerzahler belaste, gar Deutschland ruiniere, dann sie selbst, sie sei ja in Sachen Euro auch schon feste dabei.
Die Erklärung eines Vertreters des Weltverbandes der Satiriker (WdS), ein Rücktritt Wulffs könne auch nicht im Interesse seiner deutschen Mitglieder sein, da Saubermänner wie er, die andere öffentlich für Handlungen verurteilten, die sie sich selbst problemlos - dazu ohne überzeugende spätere Reue - erlaubten, für die Satire geradezu ein Geschenk seien, wollte nicht recht zur allgemeinen Stimmung passen.
P.S. vom 16. Januar 2012: Weit entfernt von Bogota müssen wir uns Sorgen um die Gesundheit unseres Präsidenten machen. So soll er nicht einmal bemerkt haben, dass der Filmproduzent Grönewold, für dessen Unternehmen das Land Niedersachsen eine Bürgschaft übernommen hatte, ihm und seiner Familie anlässlich des Oktoberfestes in einem Münchener 5-Sterne Hotel das upgrade von einem regulären Zimmer in eine Hotelsuite zahlte. Dies wirft Fragen auf: Hielt Wulff sich in der Suite ausschließlich mit verbundenen Augen auf? War ihm überhaupt bekannt, dass er in München weilte? Ebenso wenig ist dem Präsidenten ja bekanntlich aufgefallen, dass Herr Maschmeyer die Werbung für sein Buch sponserte, und auch der Journalist, der Wulffs Biographie schrieb, Zuwendungen von dritter Seite erhielt. All das spricht für ernste Wahrnehmungsstörungen unseres Staatsoberhauptes! Und wie steht es um den Geisteszustand von Geschäftsleuten wie Grönewold und Maschmeyer, die sich hingebungsvoll der politischen Landschaftspflege widmen und dann nicht darüber reden? Oder ist der Kapitalismus am Ende doch reformfähig? War jeder der Spender zum Paulus mutiert? Wie alledem auch sei: Der heutige Bundespräsident hat so wenig bemerkt, dass er spätestens in dreieinhalb Jahren in den Vorstand einer großen deutschen Aktiengesellschaft berufen werden sollte, deren Mitglieder ja bekanntlich auch nie wissen, was in ihrem Einflussbereich geschehen ist.
Gute Medizin für das leuchtende Vorbild ist, dass die Staatsanwaltschaften in unserer Republik den Weisungen des jeweiligen Justizverwaltung unterliegen, sonst könnte es mit Wulffs Behauptung, er habe keine Rechtsverstöße begangen, schon bald vorbei sein, von Arnim hat das (nur!) hinsichtlich des Geerkens-Darlehens bereits eindrucksvoll begutachtet (vgl. NVwZ Extra, im Internet abrufbar). Wo aber kein Staatsanwalt, da kein Richter - eine Konstellation, die allenfalls für eine Bananenrepublik ausreichend sein mag.
P.S. 2 vom 17. Januar 2012: Laut Bericht der SZ vom heutigen Tage kann die Staatsanwaltschaft Hannover in den Vorwürfen gegen Wulff in Sachen Darlehen und Reisen “keinen strafprozessualen Anfangsverdacht” erkennen. Na siehste!



